Vor 100 Jahren war Naturheilkunde die Medizin
Der Flexner-Report und der Einzug der Pharmazie: Wie ein Bericht aus dem Jahr 1910 die Medizin grundlegend verändert hat — und warum es sich lohnt, diese Geschichte zu kennen.
Wussten Sie das?
Vor rund 100 Jahren war die Naturheilkunde nicht die Alternative, sondern der Standard — lange bevor es ein einziges Antibiotikum gab.
1910 — der Bruch
Abraham Flexner — kein Arzt, sondern Lehrer und Bildungsreformer — bewertete im Auftrag der Carnegie Foundation alle medizinischen Ausbildungsstätten Nordamerikas. Sein Bericht, der sogenannte Flexner-Report, sollte die Medizin für immer verändern.
Wer zahlte?
Finanziert wurde die Umsetzung seiner Empfehlungen maßgeblich durch die Rockefeller-Stiftungen, die in den folgenden Jahrzehnten gezielt jene Universitäten und Colleges förderten, die sich auf ein rein naturwissenschaftlich-pharmakologisches Medizinmodell festlegten — und den Geldhahn für all jene zudrehten, die homöopathische, eklektische, osteopathische oder pflanzenheilkundliche Lehrinhalte beibehielten.
Die Folge
Innerhalb weniger Jahrzehnte schloss in den USA rund 60 Prozent der Ausbildungsstätten für Medizin: Von etwa 160 medizinischen Schulen um 1904 waren 1935 nur noch 66 übrig. Von den homöopathischen und eklektischen Schulen blieben nur eine Handvoll bestehen. Gleichzeitig etablierte sich das biomedizinisch-pharmazeutische Modell als einzig „legitime" oder bessere Medizin.
Die unbequeme Frage: Wissenschaft — oder Absatzmarkt?
Wer bedenkt, dass Rockefeller zu jener Zeit über Standard Oil eng mit der petrochemischen Industrie verbunden war — aus der sich auch die moderne Pharmaindustrie entwickelte —, dem drängt sich eine unbequeme, aber legitime Frage auf: War hier tatsächlich reine wissenschaftliche Qualitätssicherung am Werk — oder auch die Sicherung eines Absatzmarktes für synthetische, patentierbare Arzneistoffe, die sich mit unpatentierbaren Kräutern und Globuli nicht erzielen ließ?
Kein pauschales Urteil
Es soll nicht behauptet werden, dass jede Facette der Flexner-Reform ohne Wert war — manche Qualitätsstandards in der Ausbildung waren zweifellos überfällig. Aber die Gleichzeitigkeit von wirtschaftlichem Eigeninteresse und ideologischer Verdrängung ganzer Heilsysteme in die Ecke der „Scharlatanerie" ist historisch belegt und verdient es, offen benannt zu werden — nicht als Verschwörungstheorie, sondern als wirtschaftsgeschichtliche Tatsache.
Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholte sich dieses Muster in Europa: Auch hier setzte sich zunehmend das US-amerikanische biomedizinische Ausbildungsmodell durch, und die traditionelle, jahrhundertelang gewachsene europäische Naturheilkunde geriet in dieselbe Schublade der „Esoterik" — obwohl sie über Generationen hinweg Menschen begleitet und unterstützt hatte, lange bevor es ein einziges Antibiotikum gab.
Zur Erinnerung
Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Naturheilkunde die primäre Medizin darstellte und die chirurgisch-pharmakologische die „komplementäre Medizin" war — nämlich dann, wenn der Körper von sich aus nicht mehr die Kräfte aufbringen konnte, wieder ins Gleichgewicht zu finden.
Mein Standpunkt: Maschine oder Lebewesen?
Folgend sollte sich hieraus eine klare, undogmatische Trennlinie ziehen lassen, die niemandem etwas vorschreibt:
- Geistig-seelisch-körperlich: Wer sich selbst als geistig-seelisch-körperliches Wesen begreift — als jemand, der mehr ist als die Summe seiner Organe und Biochemie —, ist bei komplementärmedizinischen, ganzheitlichen Methoden gut aufgehoben. Hier wird nicht nur der Befund behandelt, sondern der Mensch in seiner Gesamtheit: seine Lebenskraft, sein Milieu, seine Biografie, sein seelisches Erleben.
- Rein physisch-chemisch: Wer sich hingegen als rein physisch-chemisches Subjekt versteht, ist in der Schulmedizin bestens versorgt. Diese leistet auf ihrem Gebiet — Akutmedizin, Chirurgie, Notfallversorgung, klar messbare pathophysiologische Prozesse — Herausragendes und soll dafür auch die verdiente Anerkennung erhalten.
Die Wahl, welchem Menschenbild man folgt, sollte jedem selbst überlassen bleiben.
Beide ergänzen sich
Schulmedizin und Naturheilkunde haben jeweils ihre Stärken — und gerade dort, wo sie zusammenarbeiten statt gegeneinander, entsteht der größte Gewinn. Es geht um Synergien: um die bestmögliche Unterstützung der Patientin und des Patienten im Sinne einer raschen und nachhaltigen Genesung.
Bleiben Sie gesund, skeptisch und selbstbestimmt.
Quellen: Flexner A. (1910): Medical Education in the United States and Canada. Carnegie Foundation for the Advancement of Teaching, Bulletin No. 4. · Duffy T. P. (2011): The Flexner Report — 100 Years Later. Yale Journal of Biology and Medicine 84(3): 269–276.